Exkursion Dwasieden

Die „Exkursion Dwasieden“ gehört zu den Erlebnissen auf Rügen, bei denen man erst vor Ort merkt, wie viel Geschichte sich eigentlich im Verborgenen befindet. Denn bei Sassnitz, gar nicht weit weg vom Königsstuhl, dem Nationalpark Jasmund und den Kreidefelsen, befindet sich auf einem alten Militärgelände eine der schönsten Schlossruinen und Lost Places auf Rügen mit einer reichen Geschichte, die man auf einer geführten und sehr lehrreichen Wanderung mit Ralf Linnemann entdecken kann. 

Wohnzimmer Rauchschwalbe
Urlaub an den Kreidefelsen
Das swalfenhus am Königsstuhl

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Treffpunkt Ärztehaus – unscheinbarer Start für die Exkursion über ein großes Gelände

Treffpunkt ist unscheinbar am ehemaligen Ärztehaus – geparkt wird einfach an der direkten Zufahrtsstraße zum Ärztehaus. Was zunächst wenig spektakulär wirkt, entpuppt sich schon nach den ersten Minuten als Einstieg in ein weitläufiges und geschichtsträchtiges Gelände. Denn: Das ursprüngliche Areal von Dwasieden ist deutlich größer, als man auf den ersten Blick vermutet. Es erstreckte sich von Mukran bis Sassnitz. Selbst das Ärztehaus und der Sportplatz Dwasieden gehörten einst dazu.

Exkursion Dwasieden - Das Pförtnerhaus gehört dazu.
Pförtnerhaus, heute Wohnhaus (?) an der Ecke Straße der Jugend/Fischerring

Bei einer Tour mit Ralf Lindemann die Geschichte dieses Ortes entdecken

Unter der Führung von Ralf Lindemann wird die Vergangenheit dieses Ortes Stück für Stück lebendig. Besonders spannend fand ich die Einblicke in die Geschichte rund um die Familie von Hansemann sowie Eduard von Barnekow.

Ein Großbankier verliebt sich in die Insel Rügen

Die Familie von Barnekow besaß die Güter Lanken und Dargast sowie die Hofstellen Lenz und Promoisel, war leider hoch verschuldet und konnte so wohl das Angebot des Großbankiers Adolph von Hansemann, der durch seine eigene Bank von den Geldproblemen wusste, nicht widerstehen.

Von Hansemann gefiel es in Dwasieden so gut, dass er schon kurz nach dem Kauf den Marstall, weitere Stallungen und Wohngebäude erbauen ließ. Hier wohnten seinerzeit die Bauleute, die für damalige Verhältnisse wohl sehr gut bezahlt wurden. 

Der Marstall von innen
Der Marstall von innen

Die Bauphase des Schlosses

Das Baumaterial für das „Weiße Schloss“ wurde seeseitig angeliefert. Herrn Lindemann zu Folge wurden die Steinquader unbehauen angeliefert und erst vor Ort behauen. Eine Meisterleistung. Leider ist nicht überliefert, wie dies alles in der Kürze der Bauzeit realisiert werden konnte. Überliefert ist jedoch, dass die Baupläne für das Schloss von Friedrich Hitzig, einem Schinkelschüler, stammten. 

Das Familienwappen der Familie Hansemann ist noch am Marstall zu sehen
Das Familienwappen der Familie Hansemann ist noch am Marstall zu sehen

Vom weißen Schloss am Meer zur geheimnisvollen Ruine

Was heute vom Schloss nur noch zu erahnen ist, war einst eine beeindruckende Anlage mit über 25 Salons. Von den aufwendigen Eichenschnitzereien, meisterlicher Putzkratztechnik und Fliesen von Villeroy & Boch ist nichts mehr zu sehen.

Säulen und Kacheln in der Ruine
Säulen und Kacheln in der Ruine

Viele dieser Details erschließen sich erst durch die Erzählungen während der Führung und den dabei gezeigten Fotos, Postkarten und Bildern – genau das macht den Rundgang so besonders.

Eingang zum Schloss, zu sehen ist der Säulenschaft vom Eingang
Eingang zum Schloss, zu sehen ist der Säulenschaft vom Eingang

Adolph von Hansemann als Mäzen von Sassnitz

Herr Lindemann weiß auch viele interessante Details zu der Familiengeschichte derer zu Hansemanns. So war der Bankier Adolph von Hansemann sehr, sehr fleißig, heute würde man ihn einen Workoholic nennen. Er bezahlte als Arbeitgeber gute Löhne und auch sonst hat Sassnitz von ihm sehr profitiert. Auf sein Betreiben wurde beispielsweise von 1887 bis 1896 der Sassnitzer Fischereihafen angelegt. 

Blick in den Hafen von Sassnitz
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Küstenschutz vor 125 Jahren

Durch den Bau der damals längsten und heute zweitlängsten Außenmole Europas am Sassnitzer Hafen veränderten sich die Strömungsverhältnisse an der Küste vor Dwasieden und dem Weißen Schloss offensichtlich so entscheidend, dass bereits 1901 regelrecht gepflastert wurde. Vorbild für diese Art der Uferbefestigung könnte jene am Kap Arkona gewesen sein, die für das erste 1865 verlegte Telegrafenkabel nach Schweden gebaut wurde. 

Uferbefestigung vor Dwasieden
Uferbefestigung vor Dwasieden

Was wäre Sassnitz heute ohne Hansemann?

Ob seinem Engagement die Eisenbahnwirtschaft, der Sassnitzer Eisenbahnanschluss und die Königslinie, die kürzeste Fährverbindung zwischen Sassnitz und Trelleborg, zu verdanken ist, konnten wir leider nicht belegen. Naheliegend ist es, wenn man sich Hansemanns Lebensgeschichte durchliest. 

Dieser Teil der Geschichte des Schlosses und seinem Erbauer wäre schon mehr als abendfüllend. Herr Lindemann schafft es jedoch leicht, den Bogen über die Jahrzehnte interessant zu spannen und so auch in dem 2 Stunden Rundgang Zeit und Raum für die spätere Geschichte zu lassen.

ehemaliges Kutschentor am Marstall
ehemaliges Kutschentor am Marstall

Der Marstall heute

In seiner ursprünglichen Nutzung als Pferdestall konnten die Kutschen durch das Gebäude fahren. In der späteren Nutzung wurden die Tore zugemauert und direkt vor einem der Tore ein Kellerzugang gebaut.

Heute ist ebenjener Marstall eigentlich das Gebäude, das noch am besten erhalten ist. Ohne den Brand vor einigen Jahren wäre es wohl sogar noch überdacht. Es gibt immer noch ein tolles Fotomotiv ab und ich finde es schade, dass eines der schönsten Gebäude, das Sassnitz zu bieten hat, so gnadenlos dem Verfall preisgegeben ist.

Der ehemalige Marstall des Schlosses Dwasieden
Der ehemalige Marstall des Schlosses Dwasieden

Militärgeschichte, historische Relikte und versteckte Details

Die spätere Nutzung des Geländes ist faszinierend: Vom privaten Schloss über militärische Nutzung bis hin zu den heute noch erkennbaren Relikten wie dem Sportplatz oder technischen Anlagen. Selbst versteckte Details wie ein ehemaliger Notausstieg der Tankanlage oder bauliche Veränderungen aus NVA Zeiten werden dabei verständlich eingeordnet.

Der Trockenturm auf dem NVA-Gelände
Der Trockenturm auf dem NVA-Gelände

Die Gästeliste des Schlosses Dwasieden

Obwohl das Schloss leider bereits 1948 gesprengt wurde, also nur 70 Jahre stand, ist die Gästeliste lang und sehr illuster. Verbrieft sind u.a. Besuche vom Wilhelm II., der schwedische König Oskar II. und chinesische Gesandte.

Besonders interessant ist die Anmietung des Schlosses von Gerhart Hauptmann im Jahr 1928 als Sommerresidenz zu vermerken. Dessen eigentliches bevorzugtes jährliches Sommerziel auf Hiddensee, dem heutigen Gerhart Hauptmann Haus, war in diesem Jahr bereits anderweitig vermietet wurden. Das soll Hauptmann nie wieder passiert sein. Ob es der letztliche Anreiz zum Kauf des Hauses auf der Insel Hiddensee war?

Gerhart Hauptmann war weilte im Sommer 1928 im Schloss Dwasieden und feierte hier sogar die Hochzeit seines Sohnes
Gerhart Hauptmann weilte im Sommer 1928 im Schloss Dwasieden

Warum sich die Führung zur Schlossruine Dwasieden wirklich lohnt

Ich war ehrlich überrascht, wie viele neue Informationen selbst für mich als Einheimische dabei waren. Ralf Lindemann schafft es, Geschichte anschaulich, lebendig und gleichzeitig fundiert zu vermitteln – ohne dass es jemals trocken wird.

Exkursion mit Rald Linnemann
Exkursion mit Rald Linnemann

Was gibt es in Dwasieden noch zu entdecken?

Neben der Schlossruine findest auf dem Militärgelände viele alte mehr oder weniger gut erhaltene Gebäude und am Ende auch einige Bunker. Als noch die Rote Armee das Areal nutzte, daran kann ich mich erinnern, kam man als normaler Sassnitzer auch nicht auf das Gelände. So geriet das Schloss auch für die meisten Bewohner in Vergessenheit. Inzwischen hat sich die Natur die Stätte zurück erobert. Verlässt man das Gebiet Richtung Strand, entdeckt man die alte gepflasterte Uferbefestigung. Dort unterhalb der Buchenwälder Dwasiedens hat man auch einen wunderbaren Ausblick auf die Steilküste zwischen Mukran und Sassnitz mit dem Ausblick auf das Ostseebad Binz.

Geht man zurück in den Buchenwald, kommst Du noch an einem sehr gut erhaltenen Großsteingrab vorbei, denn auf Rügen gibt es für die Region recht viele Großsteingräber und Hügelgräber. Noch etwas weiter im Wald auf dem Weg zum Sportplatz Dwasieden findet man zudem noch eine Kriegsgräberstätte. 

Das Großsteingrab Dwasieden
Großsteingrab Dwasieden

Buchempfehlung und mein Rügentipp für deinen Rügenurlaub

Wenn du tiefer in die Geschichte von Dwasieden eintauchen möchtest, kann ich dir die Teilnahme an dieser Exkursion mit Ralf Linnemann wirklich empfehlen. Der Autor des Buches „Das weiße Schloss am Meer“ weiß einfach alles über diesen geschichtsträchtigen Ort. Möchtest Du noch tiefer in die Geschichte des Schlosses eintauchen, empfehlen wir Dir dieses Buch.

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